Kind ertrinkt im Abwasserbach
Damals war ich sehr neugierig und scheute mich nicht, Zäune oder Tore zu überwinden, um fremde Gärten zu erkunden. Den Versuch, in einen Abwassertunnel zu steigen, werde ich nicht mehr vergessen.
Heute sind die Zuflüsse zur Emscher und zum Roßbach renaturiert und weisen wieder einen geschlungenen Bachverlauf auf. Früher wurden diese Bäche als Abwasserkanäle missbraucht und in ein steiles Betonkorsett gezwängt. Die übelriechende, braune Brühe floss mit starker Strömung durch die Kanalisation und trat schließlich an vielen Stellen an die Oberfläche. Der Betonboden bildete zusammen mit den Abwässern eine schmierige Rinne, in der es kaum ein Entkommen gab, sobald man hineingefallen war.
Zweimal ist in dieser Zeit ein Kind daran zu Schaden gekommen. Beide Male fiel ein Ball in den Abwasserbach, und als die Kinder versuchten, ihn zurückzuholen, stürzten sie ins Wasser. Die Strömung zog sie mit, sodass sie schließlich ertranken.
Im Verlauf der Straße An der Wasserburg in Marten tritt der Oespeler Bach wieder an die Oberfläche. Der Zugang war von der Straße aus lediglich durch einen einfachen Zaun versperrt. Zu dritt oder zu viert kletterten wir über den Zaun und stiegen anschließend die Stufen hinab, um zum damals unvergitterten Austritt der Abwasserröhre zu gelangen. Ein schmaler Weg führte direkt neben dem Wasser in den Tunnel hinein. Vorsichtig tasteten wir uns vor, doch schon nach wenigen Zentimetern bemerkten wir, dass der Weg durch die unterschiedlichen Wasserstände sehr rutschig geworden war. Jetzt wurde uns bewusst, dass wir uns in eine heikle Lage gebracht hatten. Vorsichtig und mit kleinen Schritten versuchten wir, wieder zur Treppe zurückzukehren, ohne in die übelriechende, reißende Strömung zu fallen. Danach war unsere Neugierde an Abwasserkanälen für immer gestillt.
Ruhr-Nachrichten 10.04.1979 Nr. 85 DO1 Ruhr-Nachrichten 11.03.1980 Nr. 60 DO1